|
Der historische Roman "Die Vernichtung von Dersim" des kurdischen Schriftstellers Haydar Isik erinnert an einen Genozid der türkischen Armee an den Kurden vor 65 Jahren. Bis zu einer Viertelmillion Menschen wurden 1837/38 in der Region Dersim ermordet, nur weil sie Kurden waren und sich nicht der türkischen Herrschaft unterordnen wollen. 50.000 Soldaten, Flugzeuge und Giftgas setzten die Militärs aus Ankara damals gegen die Bevölkerung von Dersim ein. Wer überlebte, wurde in andere Teile der Türkei deportiert. Der kurdische Name Dersim wurde durch das türkische Wort Tunceli (eiserne Faust) ersetzt. Von nun an war es verboten, das Wort "Kurde" auch nur in den Mund zu nehmen. Der bei München lebende Schriftsteller Haydar Isik, geboren im Jahr des großen Kurdenaufstandes 1937 und während der Angriffe der Armee von seiner Mutter zur Rettung in einem Wald versteckt, hat über das Schicksalsjahr seines Volkes einen eindrucksvollen Roman geschrieben. Farbenfroh schildert Isik das Leben in dem kleinen Bergdorf Mergasur und die die kulturellen und religiösen Bräuche der kurdischen Alewiten, einer sehr liberalen Strömung des Islams. Immer wieder wird die Liebe der Kurden zu ihren "heiligen Bergen" beschrieben, ihre Toleranz gegenüber Fremden und ihr Stolz. Der Schriftsteller zeigt, wie Verrat und die Feindschaft unter den kurdischen Stämmen die Vernichtung von Dersim begünstigte. Er schildert die historisch verbürgten ethnischen Säuberungen, die Morde an Männern, Frauen und Kindern, das Leid der Menschen und ihre Erniedrigung durch die türkischen Soldaten. Als Symbol für das Schicksal Dersims steht in dem Roman das Mädchen Gule. Als Überlebende des Massakers wurde sie von einer türkischen Offiziersfamilie adoptiert, bekam einen neuen türkischen Namen und wurde im türkischen Sinne im Geiste der Staatsideologie des Kemalismus erzogen. Doch Gule, die Nacht für Nacht von Albträumen geplagt wird, kommt als junge Frau ihrem Schicksal auf die Spur und erkennt in ihrem Adoptivvater den Mörder ihrer wahren Familie. Wie schon Haydar Isik erstes auf deutsch erschienenes Buch "Der Agha aus Dersim" ist "Die Vernichtung von Dersim" zu einer Zeit, wo über die Aufnahme der Türkei in die EU diskutiert wird, ein wichtiges und spannendes Buch, um an das bis heute ungelöste Schicksal des kurdischen Volkes erinnert. Preis: EUR 16,00
Versandfertig bei Amazon in 2 Tagen.
Unrast-Verlag, Postfach 8020, 48043 Münster E-Mail: mail@unrast-verlag.de Mehr Details
Bewertung: Verkaufsrang: 277.516
Verkaufsstart: Oktober 2002
Kaufen bei amazon.de
Die Vernichtung von Dersim
Roman von Haydar Isik (2002, Unrast-Verlag). Besprechung von Christine Diller aus der Münchner Merkur, 18.3.2003:
Krieg und Versöhnung Haydar Isik schildert kurdische Schicksale
Bedrohungen von außen sind zahlreich. Da ist die Natur, die den Bewohnern der Berge mit Stürmen zu Leibe rückt. Da waren einst Osmanen oder Russen, die sich einredeten: Wenn sie dem eigensinnigen Berg- und Nomadenvolk ihre Herrschaft aufzwängen, dann wäre das eine dankenswerte Wohltat.
Da waren auch Sultane, die, ob schiitischer oder sunnitischer Glaubensrichtung, das Land der liberalen Alewiten begehrten und das dann Religionskrieg nannten. Gegen all dies scheint das kurdische Dörfchen Mergasur in der Region Dersim gewappnet: nicht mit Waffen, sondern mit Gemeinsinn und dem Wissen um die eigene Geschichte.
Der historische Roman "Die Vernichtung von Dersim" des Kurden Haydar Isik beginnt 1937: Die Türken planen die Ausrottung der verhassten Minderheit. Noch bevor Soldaten, Waffen, Giftgas in das Dorf dringen, bringt schon die Bedrohung das Gemeinwesen aus dem Gleichgewicht.
Isik schildert das breit aufgefächert an verschiedenen Charakteren. Im Zentrum seines atmosphärisch intensiven Romans steht Gule, ein Mädchen, das von den türkischen Mördern seiner Familie adoptiert wird und auszieht, ihre kurdischen Wurzeln wiederzufinden und in ihr türkisch geprägtes Leben hinüber zu retten.
Man würde dem Buch nicht übel nehmen, hätte es einen wehleidigen Unterton. Es ist aber viel stärker: Es folgt den Verzweigungen von Konflikten und vergisst dabei nicht, das pralle Leben zu loben und es zum Boden zu machen für Versöhnung. Wie utopisch auch immer sie erscheint.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
|