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Süddeutsche Zeitung (SZ-Extra) 12.12.02
ROMAN ____________________________________
Die Erinnerung schläft nie
Haydar Isiks Buch über den Völkermord an den Kurden Ein Völkermord, der nie in das Bewusstsein Europas und der Welt gedrungen
ist: Im Frühjahr 1938 drang türkisches Militär in fast ausschließlich von Kurden
bewohnten Ostteil der Provinz Dersim ein, brannte Dörfer nieder und massakrierte
Tausende von Zivilisten – Männer, Frauen, Kinder. Die Überlebenden werden in die
Westtürkei deportiert. Nach getaner Arbeit wird die Provinz umbenannt:
„Tunceli“, „Eiserne Hand“ heißt sie bis heute. Haydar Isik ist im Jahr 1937 in
Dersim geboren, und seine ganze Kindheit über hörte er die Erzählungen von den
Massakern, deren Grausamkeit auch einem Leser von heute noch schlaflose Nächte
bereiten kann. Jahrzehnte lang gab es kein literarisches Zeugnis dieser
Gräueltaten. Nach offizieller türkischer Leseart gab es ja gar keine Kurden, und
der Gebrauch der kurdischen Sprache war bis vor wenigen Monaten bei Strafe
verboten. Isik, der seit 1974 in Deutschland lebt und von der Türkei wegen
seiner schriftstellerischen Tätigkeit ausgebürgert wurde, hat dieses Tabu
gebrochen. Sein Roman„Die Vernichtung von Dersim“ erzählt in einer Sprache,
deren naives Pathos die Brutalität der Ereignisse nicht mildert, die Geschichte
des Mädchens Gule, das nach einer Massenerschießung unter der Leiche seiner
Mutter überlebt, von einem Türkischen General als Geschenk für dessen kinderlose
Ehefrau mitgeschleppt wird und erst kurz vor dem Tod ihrer Stiefmutter von ihrer
wahren, kurdischen Identität erfährt.
Haydar Isik: „Die Vernichtung von Dersim Lesung mit dem Autor und
dem Schauspieler Joachim Höppner; Mi., 18. Dez., 19.30 Uhr, Seidlvilla
(Mühsam Saal), Nikolaiplatz 1b, Tel:333139
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