"Die Vernichtung von Dersim"
Haydar Isik über das Massaker von 1938
VON MAX FREISLEDER Maisach - Das Buch, um das es hier geht, wurde in der Türkei 1996 kurz nach seinem Erscheinen verboten. Haydar Isik, in Maisach lebender, kurdischer Schriftsteller, hat es seinem Lebensthema gewidmet: Dem Massaker an rund 70 000 im Gebiet von Dersim lebenden Kurden durch türkisches Militär im Jahr 1938."Die Vernichtung von Dersim" (Unrast Verlag, Münster 2002 ) lautet der schmucklos historiographische Titel des vor kurzem in deutscher Übersetzung erschienenen Romans. Nachdem die Kurden heute keinen eigenen Staat mehr fordern, sind sie wieder bei den alten Ansprüchen von 1938 gelandet, auf die der türkische Staat damals mit Völkermord antwortete und die in der Türkei auch heute noch nicht restlos realisiert sind: die Erlaubnis der Worte kurdisch, Kurde und Kurdistan, die damit verbundene Anerkennung der Sprache, eigene Schulen und der Stopp regionaler, wirtschaftlicher Benachteiligung.
Chronist des staatlichen Totalangriffs auf ethnische Identität, auf die pure Existenz zu sein, ist nicht nur für den politisch denkenden Kurden ein Auftrag. Es müsste Bestandteil der geschichtlichen Erinnerung einer Gesellschaft sein, die über sich selbst ehrlich Rechenschaft ablegen will. In der Türkei bleibt es bisher dem Gewissen eines unliebsamen Schriftstellers überlassen, die Darstellung des Dersimer Völkermords dem kollektiven Gedächtnis zumindest anzubieten.
Ideologisch bedingte Lücke schließen
Weil Isik mit seinem Buch auch eine ideologisch bedingte Lücke nationaler Geschichtsschreibung schließen will, bedient sich der Autor erzählerischer Mittel, die den Text oft in die Nähe der Dokumentation rücken. Die Sprache ist einfach und kraftvoll, die Dialoge sind exemplarisch. Es gibt keine selbstzweckhaften Verästelungen des Romangeschehens. Was erzählt wird, versucht einerseits, den Massenmord von Dersim als einzigartiges Geschichtsereignis abzubilden. Andererseits wird aber das Modellhafte des Geschehens, die konstante Abrufbarkeit extremer Unmenschlichkeit mit ihren Verhaltens-Stereotypen deutlich.
Die ideologische Begründung der Kurdenvernichtung und ihre Methoden nehmen besonders für den deutschen Leser mit unheimlicher Präzision beispielsweise späteres Verhalten von SS-Männern gegenüber Juden oder die ersten, antisemitischen Vernichtungseinsätze der Einsatzkommandos des NS- Sicherheitsdienstes 1941 in Weißrussland vorweg. "Dieses Gewürm ist wie Unkraut. (...) Wenn du es nicht mit Stumpf und Stil ausreißt, wird es dich einwickeln und vernichten", lässt Isik einen türkischen Kommandanten den Befehl an einen Major begründen, zur gemeinsamen Kurzweil eine kurdische Mutter mit ihren zwei Kindern zu erschießen. Wenn türkische Soldaten die Einwohner kurdischer Bergdörfer auf dem Dorfplatz zum "Marsch in die Verbannung" zusammenkommen lassen, um sie kurze Zeit später, in Reihen vor Maschinengewehren aufgestellt, abzuschlachten, ist man an Massenexekutionen erinnert, wie sie in noch größerem Ausmaß drei Jahre später nahe bei Kiew in der Schlucht von Babi Yar stattfanden.
Menschen wie das dreijährige Mädchen Gule, eine Protagonistin der Erzählung, die Isik das Dersimer Massaker unter der Leiche ihrer Mutter überleben lässt, haben Nazi-Massaker tatsächlich auf diese Weise überstanden. Einfühlsamkeit und Intensität, mit der der Autor das Hervorkriechen des Kleinkindes aus dem Leichenberg beschreibt, eine Geburtsstunde auf den killing fields, gehören zu den stärksten Momenten des Buchs.
Isik schildert die Vernichtung von Dersim aus der Perspektive eines Clans der Alewiten, neben den Schafiiten die zweite der beiden großen, miteinander verfeindeten, islamischen Glaubensgruppen, in die sich die Kurden damals aufspalteten. Die Vernichtungschronik ist aber kein Heldengesang auf das kurdische Volk.
Scharf prangert Isik dessen innere, religiös bedingte Spaltung mit ihren blutigen Clan-Kämpfen, das eigene Widerstandskraft zersetzende Paktieren mit dem türkischen Staat, Korrumpierbarkeit und Gleichgültigkeit an. Mit Ironie schildert er die Naivität kurdischer Dörfler und strenges Patriarchentum. Was die in ihrer Genauigkeit stellenweise an ethnische Studien heranreichende Kulturbeschreibung jedoch von rein volkskundlicher Betrachtung unterscheidet, ist vor allem Poesie. Das Poetische, nicht als verklärende Romantik, sondern als Ausdruck tiefer Verbundenheit mit der Schönheit kurdischer Landschaft und Lebensform. Es dient als Ausdruck von Heimat- und Zugehörigkeitsgefühl in bestem Sinn, in denen Selbstgewissheit und Würde wurzeln. Dass das kurdische Licht in seiner Eigenheit leuchten darf, darum geht es Haydar Isik in allen seinen Werken - eine heilsame Botschaft, auch für heutige Deutsche. |