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Haydar Isik „Erinnerung an ein Verdrängtes Massaker“ Köln, 04.Mai 2008 Meine Damen und Herren seien Sie herzlich Willkommen bei unserer Gedenkveranstaltung. Wir gedenken des 70. Jahrestages der Vernichtungsaktion des türkischen Militärs gegen die kurdische Bevölkerung in DERSIM. Als ich vor 70 Jahren auf die Welt kam, hat die Türkei, in dieser Zeit als Verbündete des Hitlers-Regimes meine Heimat DERSIM bombardiert und einen Völkermord an Kurden veranstaltet, während zur gleichen Zeit Guernica bombardiert wurde. Damals, wie auch heute, haben die vorschrittlichen Kräfte dieses Verbrechen in Guernica verurteilt. Aber dass weit hinten in der Türkei ein Volk vom türkischen Militär dezimiert wurde, sah die Welt leider nicht. Vor 70 Jahren sagte Seyid Riza, der damals 75 Jahre alt war und gegen den türkischen Militarismus kämpfte, bevor er aufgehängt wurde: Nachdem die türkische Armee mit voller Brutalität über Dersim wie ein Zylinder rollte, und Zehntausende getötet, Zehntausende Kurden deportiert hatte, hat sie die zahlreichen Kasernen umfunktioniert, um kurdische Kinder einzuschulen und als gute Türken zu erziehen. Aus diesen Kindern, deren Väter und Großväter getötet worden waren, wurden erfolgreich gute Türken gemacht. Der Staat hat sie dann für seine Zwecke gegen Kurden benützt. Das heißt, die Türkei hat nach diesem Genozid in kraftvoller Weise einen Ethnozid durchgefürt. Als ich sieben Jahre alt wurde, musste ich die Sprache der Unterdrücker, die Sprache der Kolonisatoren lernen, und erleben, dass meine Muttersprache nicht als menschliche Sprache gesehen wurde. In dieser Sprache durfte ich weder weinen noch lachen, sprechen war ohnehin untersagt. Meine Muttersprache war die Sprache von „Unmenschen“, sie existierte nicht. Wer behauptet, sie sei eine Sprache der Menschen, war er ein feind der Türkei, ein Spion, ein Verräter, ein Speratist, ein Bandit. Je mehr ich in der Sprache der Efendis dressiert wurde, desto fremder wurde mir meine Mutter, die mir gleich zweimal das Leben gegeben hatte. Sie lächelte und gab keine Antwort, wenn ich in türkischer Sprache Fragen stellte. Für uns Kurden war und ist die Sprache lebensnotwendig. Die Staatsgrenzen haben die Kurden so geteilt, dass nur die Sprache als Zement ethnischen Zusammenhalts blieb. Und die Türkei wollte auch das auslöschen. Wir, die Schüler konnten sogar zu Hause nicht sprechen, weil unser türkischer lehrer es uns untersagte, und wer zu Hause gesprochen hatte, wurde mit einem Stock geschlagen. Zwar hat die Türkei mich ausgebürgert und meine Habe versteigert. Aber sie hat von mir viel Kostbareres genommen, nämlich meine Muttersprache. Die Türkei hat alles in Kurdistan geändert. Sie hat alle geograghischen und kurdischen Namen türkisiert. Isik heist Licht, Tunceli bedeutet „Eiserne Hand“ und alle kurdischen Dorfnamen, Berge, Flüsse wurden türkisiert. Heute weiss ich nicht, wie die Dörfer heißen, deren Namen ich nur Kurdisch kenne. Die Türkei versucht, die Vergangenheit der Kurden zu löschen, damit sie keine Brücke zu Gegenwart und Zukunft haben können. „Sei Stolz, Türke sein zu können!“ war der Spruch, den ich jeden Tag, strammstehend mit lachendem Gesicht, zu schwören hatte, und in meine Seele lassen musste. Dann habe ich bald erfahren, dass dem ins Gesicht gespuckt wurde, der sich als Kurde bekannte. Aus mir und dieser Generation wurde ein „Janitschare“. Kemal Atatürk, der Staatsgründer der Türkei hatte befohlen, im Vaterland Türkei leben nur Türken. Um diese Kolonialpolitik zu kaschieren, werden sogar Professoren beauftragt, „wissenschaftlich“ nachzuweisen, dass es keine Kurden gibt, diese vielmehr Türken, und zwar „Bergtürken“ seien. Die Argumentation sieht etwa so aus; „Die Bevölkerung Ost- und Südostanatoliens lebt in einer schneereichen Landschaft. Der Schnee bildet eine harte Oberfläche. Wenn man darauf geht, hört man Laute „kart-kurt“. Da sie in abgelegenen und unwegsamen Gebirgen leben, haben sie eine eigene „Sprache“ entwickelt, die aber ist und bleibt ein türkischer Dialekt. In den Schulen wurde Türkentum gepriesen und heroisch verklärt und die Aufgaben der anderen Völker darauf reduziert, den Türken zu dienen. Diese und ähnliche Parolen standen mit riesigen Buchstaben an Berghängen überall in Kurdistan, und in fast allen Städten, und heute noch stehen sie dort und werden von Soldaten bewacht. Man hat die Kurden als minderwertige und kulturlose Menschen diffamiert. Kurden seien dreckig und schlecht, sie verstünden nichts von Zivilisation. In den vielen Kurdenwitzen kommt dieser rassistische Geist zum Ausdruck. Nach 1938 lag eine Friedhofsruhe über Kurdistan. Viele Gebiete in Dersim wurden zum Sperrgebiet erklärt, in das man 10 Jahre lang nicht gehen konnte. Seit 1938 gibt es eine ständige Vertreibung der Kurden. Die Türkei versucht jetzt in moderner Weise die Kurden aus Dersim zu vertreiben: Die Seele eines Menschen, der einmal seine Heimat verloren und als Imigrant in der Fremde leben muss, ist gespalten. Nach dem Massaker wurden viele Kinder „Kemal“ oder „Mustafa“ genannt. Da die Unterdrückung so maßlos war, glaubten die Menschen, dass sie, wenn sie ihre Kinder nach Kemal Atatürk bennenen, sie eine Chance bekämmen, am Leben zu bleiben oder gar beruflich aufsteigen zu können. Ich habe persönlich in manchen Wohnungen der Dersim Kurden gesehen, dass sie die Poster von Kemal Atatürk in ihren Wohnzimmern aufhängen. Als man nach dem Grund fragte, gaben sie zur Antwort, dass sie es wegen der türkischen Rassisten aufhängen, um ihre Ruhe zu haben. Auch viele DersimKurden haben sich aus Angst selbstassimiliert. Der türkische Staat und manche türkische Linken haben propagiert, dass Kemal Atatürk ein Alevit sei und die Menschen in Dersim wahre Türken wären. Als diese Propaganda entlarvt wurde, versucht die Propagandamamaschsinerie der Türkei, diesmal „Die Menschen in Dersim keine Kurden, sondern Zazas.“ zuzeigen. Hier muss man aber auch offen sagen, dass viele Menschen aus Dersim für die Freiheit Kurdistans und für die Demokratie in der Türkei kämpfen. Tausende tapfere Dersim-Kurden haben in diesem Kampf ihr Leben verloren Nun blicke ich mit Freude in die Zukunft, und sage, dass viele Kurden aus Dersim, besonders die neue Genaration trotz aller Desinformationen und Repressallien des türkischen staates ihren Wurzeln nachgehen. Dersim ist mein Heimatort, meine Muttersprache, mein Dasein. Dersim ist meine Liebe an die Natur und Menschen. Dersim ist natürlich auch mein Trauma. Ich werde immer mit meiner Kraft Dersim helfen, dass die Menschen dort freier werden, dass die Kinder nicht mein Schicksal, sondern ein besseres erleben. Wie Seyid Riza sage ich, bzw. sagen wir heute auch, dass wir nach unserem Gewissen handeln und für unsere Heimat kämpfen. Deshalb gründeten wir, die Dersim Kurden, einen Verein, Dersim- Gesellschaft für Wiederaufbau e.V. der auch als gemeinnützig anerkannt ist. Unser Verein hat sich an unsere Landsleute gewandt um Spenden zu erhalten. Diese Spenden wurden direkt nach Dersim transferiert. Wir haben bis jetzt für die Stadt Dersim eine Baumaschine finanziert. Meine Damen und Herren, diese Gedenkveranstaltung muss kontuniurlich weiter geführt werden. |
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